Daniel & Kevin - Love and Protect - Seite 5

Er sprang aus dem Bett, nahm seine Waffe und eine kleine Taschenlampe aus der Schublade seines Nachttischs und ging zur Tür. Alles war ruhig auf dem Gang. Die Geräusche kamen von Kevins Zimmer. War jemand eingestiegen? Das war eigentlich völlig ausgeschlossen. Wieder undeutliche Worte, dann ein Wimmern.
Lautlos öffnete er Kevins Tür und ließ den Strahl übers Bett gleiten.
Mit einem Ruck saß Kevin senkrecht im Bett und starrte geblendet ins Licht. Daniel sah, dass sein Gesicht tränennass war.
„Hey, alles okay bei dir?“, fragte er besorgt und legte die Waffe auf ein Sideboard im Gang, sodass Kevin sie nicht sehen konnte. Er wollte ihn nicht verängstigen. „Ich mach Licht, okay?“
Kevin gab nur einen unverständlichen Laut von sich, während Daniel den Lichtschalter betätigte. Gleichzeitig schaltete er die Taschenlampe aus.
„Ich hab lautes Rufen gehört, dachte schon, es wäre jemand eingebrochen. Sorry, wenn ich dich geweckt habe“, entschuldigte sich Daniel, kam näher und setzte sich auf die Bettkante.
Kevin fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht und versuchte anscheinend verzweifelt, seine Tränen zu verbergen.
„Ich glaub, das war ich …“, murmelte er. „Ich, äh, hatte einen Albtraum.“ Er starrte auf die Bettdecke und Daniel sah, dass er immer noch schwer atmete.
Er stand auf. „Bin gleich wieder da.“ Draußen räumte er eilig die Taschenlampe und seine Waffe zurück in sein Schlafzimmer und holte ein Glas Wasser, nicht zuletzt auch, um Kevin einen Moment zu geben, sich wieder zu fangen.
„Hier.“
„Es tut mir leid.“
„Kein Grund, sich zu entschuldigen. Trink einen Schluck.“ Daniel merkte, dass er im Moment nicht drüber reden wollte. „Denk dran, du bist hier sicher.“
Kevin nickte nur und schwieg.

Eine Stunde später schreckte Daniel wieder hoch. Doch dieses Mal verstummten die Schreie schneller. Er vermutete, dass Kevin selbst davon aufgewacht war.
Bis zum Morgen hörte er Kevin ganze vier Mal und nun war es kein Wunder mehr, warum der junge Mann tiefe Augenringe hatte. Offenbar ging das schon eine ganze Weile so in Kevins Leben. Kevin tat ihm einfach nur leid und er war heilfroh, dass das Schicksal sie zusammengebracht hatte.
Gegen halb acht stand Daniel auf, da er nicht mehr einschlafen konnte, und duschte erneut. Während er im warmen Regen stand, überlegte er, was er tun sollte. Selbst wenn oben ein Zimmer frei gewesen wäre, könnte er Kevin nicht dort einquartieren. Er würde gleich fünf Leute mit seinen Albträumen um die wohlverdiente Nachtruhe bringen. Er dachte an Nele, der es nach ihrem Einzug genauso gegangen war. Auch bei ihr hatten sie es geschafft, dass die Albträume irgendwann aufhörten.
Als er sich anzog, hörte Daniel, dass auch Kevin duschte.
Er ging in die Küche und schaltete den Kaffeevollautomaten an.
Während er Eier und Speck in der Pfanne brutzelte und die ersten fertigen Toastscheiben aus dem Toaster hüpften, kam Kevin um die Ecke.
„Morgen“, rief ihm Daniel über die Brutzelgeräusche hinweg zu.
Den erwiderten Gruß konnte er Kevin gerade noch von den Lippen ablesen, mehr aber auch nicht.
„Lust auf Frühstück?“
Der zuckte mit den Achseln, aber Daniel ließ sich nicht beirren und machte einfach weiter. Nachdem er Speck und Eier auf zwei Teller geladen hatte, drehte er sich zu Kevin um, der unschlüssig neben den Stühlen stehen geblieben war.
„Was ist los?“, fragte Daniel nun direkt.
Kevin sah ihn scheu an. „Konntest du überhaupt schlafen?“
„Mach dir darüber mal keine Gedanken. Ich kann schnell wieder einschlafen. Gott sei Dank. Ich kenn genug Leute, die das nicht können.“
„Es tut mir echt leid …“, begann Kevin erneut, doch Daniel kam zu ihm und nahm ihn beschwichtigend an den Schultern.
„Hör auf! Bitte.“
Kevin biss sich auf die Lippe.
„Mir tut es leid, dass du sowas durchmachen musst. Aber wir bekommen das hin, wäre nicht das erste Mal, okay?“
Ein schwaches Glimmen erschien in Kevins Augen. „Meinst du?“
Daniel nickte. „Eine Entschuldigung ist wirklich unnötig. Ich will das nicht mehr hören.“
„Na gut.“
„Kaffee?“
„Mhmm. Gern.“
Daniel nickte zum Automaten. „Komm mit, ich zeig’s dir.“
Nach einer kurzen Einweisung machte sich Kevin einen Kaffee, während Daniel einen Cappuccino wählte.
Wenig später aßen sie schweigend zusammen am erhöhten Tisch. Daniel hatte zwar auch einen separaten Essbereich, aber den nutzte er – im Gegensatz zu seinen Eltern früher – so gut wie nie.
„Vor zwei Monaten hat mir mein … hat er mein Zimmer ans andere Ende der Wohnung verlegt, weil … weil ich zu viele Albträume hatte“, sagte Kevin nach einer Weile mit leiser Stimme.
„Nett“, knurrte Daniel.
„Danach wurde es noch schlimmer.“
„Wir kriegen das hin, okay?“
„Ich weiß nicht …“
„Nicht von heute auf morgen, das geb ich zu, aber wir kriegen das hin.“
Sie schwiegen eine Weile.
„Musst du weg?“, fragte Kevin und in seiner Stimme lag ein wenig Besorgnis.
Daniel sah an sich herab. Er trug Jeans und feste Schuhe, dazu T-Shirt und Flanellhemd. „Du meinst, weil ich schon komplett angezogen bin?“
Kevin nickte.
„Wenn ich frei habe, was heute endlich mal der Fall ist, fahr ich gerne nach dem Frühstück runter an den Strand und mach mit Max und Elvis einen ausgedehnten Strandspaziergang.“
„Ah.“
„Lust, mitzukommen?“
Jetzt leuchtete es in Kevins Augen zum ersten Mal richtig auf. „Im Ernst? Gern! Ich zieh mich kurz um.“ Er zeigte auf seine Sporthosen und T-Shirt.
„Lass dir Zeit, alles gut.“

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