Patchwork - Seite 4

Dann drehte er das Wasser ab, rubbelte sich trocken und fiel bäuchlings aufs Bett, wobei er die Arme um sein Kissen schlang und das Gesicht darin vergrub.
Er hatte keine Ahnung, wie lange er so dagelegen hatte, doch als es klopfte, fuhr er herum und schlüpfte hastig unter die Decke.
„Bist du angezogen?“
„Nein.“
„Egal.“
Fuck!
Erst erschien sein Statson, dann ein besorgt dreinblickender Matt. Angezogen. Gott sei Dank!
„Hast du versucht, dich zu ertränken? Du warst über eine Stunde unter der Dusche!“
„Hat nicht funktioniert“, brummte er.
„Du siehst scheiße aus.“
„Danke.“
Matt hob den Statson hoch und zauberte einen Becher Kaffee hervor. „Ich glaub, du brauchst jetzt erstmal sowas. Darf ich reinkommen?“
River setzte sich auf und achtete penibel darauf, dass die Bettdecke alles Kompromittierende verdeckte. „Klar.“ Er räusperte sich. „Mann, du bist meine Rettung. Danke!“
„Du hattest noch keinen?“
Er schüttelte den Kopf und schnupperte. Matt hatte sogar an seine heißgeliebte Prise Zimt gedacht. Er nahm einen Schluck und es war himmlisch, doch bevor er einen weiteren Schluck nehmen konnte, feuerte Matt bereits die nächste Frage ab: „Hast du schon gefrühstückt?“
Wieder schüttelte er den Kopf.
„Kater?“
River überlegte und schüttelte noch einmal den Kopf.
„Willst du allein sein?“
„Nein!“, sagte er hastig und schneller, als es ihm lieb war. Er hob den Becher und trank. „Danke.“
„Weißt du was? Ich mach dir erstmal Frühstück. Toast, Speck und Ei. Danach reden wir weiter, hm?“ Matt ging zur Tür.
„Tomatensaft?“, fragte River kleinlaut.
Matt grinste. „Doch ’nen Kater. Mach ich.“
Speck und Ei, wie lange er wohl dafür braucht?, überlegte River und stand auf. Gott sei Dank hatte Matt die Tür geschlossen. Er ging ins Bad und starrte an sich herab.
„Du Penner!“, knurrte er seinen Schwanz an. Er war wieder hart geworden. Wie ist das überhaupt möglich nach dieser Scheißnacht?
Dieses Mal schloss er die Badezimmertür ab und befriedigte sich dann selbst. Da er laufend lauschte, dauerte es länger, als ihm lieb war. Genuss fühlte sich jedenfalls anders an. Aber jetzt konnte er wenigstens mit Matt frühstücken, ohne dass er dabei ein Rohr bekam. Hoffte er.
Er öffnete die Tür einen Spalt und lugte hinaus, doch das Zimmer war leer. Hastig zog er sich eine Sporthose und ein T-Shirt an, nahm seinen halbleeren Kaffee und ging aus dem Schlafzimmer.
„Wo bist du?“
„Terrasse.“
River seufzte. Viel zu hell nach so einer Nacht, aber was solls. Matt meinte es sicher nur gut. Dennoch musste er lächeln, als er hinaustrat. Matt hatte den überdachten Teil gewählt und ihm bereits einen frischen Kaffee hingestellt. Hastig trank er seinen aus und stellte den Becher in die Küche.
„Eier sind gleich fertig. Setz dich ruhig schon raus. Du siehst so aus, als könntest du ein bisschen Pampern vertragen.“
River war froh, dass er es schaffte, sich zu setzen, ohne dass Matt es sah. Er verzog das Gesicht und wartete, bis der Schmerz wieder verging.
Fuck you, Darron!
Er griff nach seinem Kaffeebecher und stutzte, als dieses Mal ein Zimtherz darauf schwamm. Zufall? Er kniff die Augen zusammen und verdrängte den Gedanken, der sich näherte.
„Kopfschmerzen?“
River zuckte zusammen.
„Nein. Das is’ wirklich lieb von dir. Tausend Dank.“
Matt nickte. „Ich weiß.“ Dann stellte er den Teller und einen Tomatensaft vor ihn auf den Tisch.
„Womit hab ich das verdient?“
„Halt die Klappe und iss.“
Dann setzte sich Matt in die bequeme, große Schaukelbank, nahm die Beine hoch und sah ihm beim Essen zu.
Schließlich lehnte sich River zurück und nahm seinen Kaffeebecher. „Willst du mir was sagen?“, fragte er und deutete aufs Zimtherz.
„Ja, dass du mein Ein und Alles bist“, witzelte Matt und zwinkerte.
River rollte mit den Augen. Mach nur so weiter, dachte er und schalt sich gleich wieder. Nichtsdestotrotz fühlte er sich langsam besser. „Warum zum Teufel bist du gestern da oben aufgetaucht? Ich hoffe, man hat dich in Ruhe gelassen? Irgendwann hab ich dich nicht mehr gesehen.“
„War alles okay. Ich wurde zwar ein paar Mal angequatscht, als ich aber klargemacht hab, dass ich keinen One-Night-Stand suche, hat man das anstandslos akzeptiert. Mit einigen hab ich mich richtig nett und lang unterhalten. Klasse Club. Ich hätt schon längst mal mitgehen sollen.“
River wusste, dass Matt gegen nichts und niemanden etwas hatte, ansonsten wären sie auch nicht schon seit dem Kindergarten engstens befreundet. Er war ihm sogar von Alabama nach Kalifornien gefolgt und hatte hier Amy kennengelernt, mit der er bis vor kurzem auch eine turbulente On-off-Beziehung gehabt hatte. „Es war trotzdem riskant. Wenn Amy das mitkriegt und dir einen Strick draus dreht, dass du in ’nem Gay-Club warst …“
Matt starrte lange auf seine eigene Kaffeetasse. „Is’ eh schon egal“, murmelte er dann.
River runzelte die Stirn. Selbst das tat weh, aber er ignorierte es. „Was soll das heißen?“
„Ich war heute um halb neun am Baseballplatz. Joey hat heute ein Spiel gehabt, doch sie hat mich abgepasst, als ich aussteigen wollte.“ Er stockte.
„Und?“
„Sie hat mir gesagt, wenn ich jetzt aussteige und zu ihm gehe, zeigt sie mich an.“
„Bitte? Und wegen was?“
„Sexueller Belästigung.“
River kroch eine Gänsehaut über den Körper. „Was?“
Matt zog sein Handy heraus und suchte nach etwas. „Ich hatte den ganzen Tag hart gearbeitet und Joey hatte lange trainiert. Wir wollten eigentlich einen Film schauen, sind aber auf der Couch eingeschlafen.“
River nahm das Handy und blickte auf ein Foto. Es zeigte Matt und Joey auf der Couch, als sie eng aneinander gekuschelt eingenickt waren. „Süß, echt süß, ihr zwei“, rutschte es ihm raus, dann sah er auf. „Daraus will sie dir einen Strick drehen?“, fragte er ungläubig.
„Sie hat gesagt, ein 13-Jähriger kuschelt nicht ohne Hintergedanken mit seinem Dad.“ Er schnaubte. „Sie hat gesagt, ich müsste ja wohl selber schwul sein, wenn ich laufend mit … mit …“
„… mit mir rumhäng?“, half ihm River spöttisch.
„Ja. Und jetzt wohn ich schon wieder bei dir. Als hätte ich das nicht jedes Mal getan, wenn sie mich rausgeschmissen hat. Sie weiß, dass wir seit Ewigkeiten beste Freunde sind. Dann hat sie noch behauptet, ich hätte Joey bestimmt schon öfter angefasst. Klar. Alle Männer fassen gern kleine Jungs an. Noch nicht gewusst?“ Er schnaubte und River sah Tränen in seinen Augen. „Ich würde sowas nie tun! Lieber würde ich meine Hand abhacken!“
River biss mit aller Macht die Zähne zusammen, stand auf und setzte sich neben Matt auf die sich mittlerweile nicht mehr bewegende Schaukel. Doch Matt starrte wieder auf seinen Kaffeebecher und bemerkte seinen Schmerz Gott sei Dank nicht. Außerdem sorgte das Adrenalin in Rivers Adern dafür, dass er kaum Zeit hatte, Schmerz zu empfinden.
„Und wieso bringst du Idiot mir erst einen Kaffee und machst mir Frühstück, bevor du mir sowas erzählst?“, fauchte er wütend. „Dafür sollte ich dir eine knallen!“
„Ja, mach nur. Dann muss ich mich wenigstens nicht schämen, dass ich gleich heule“, murmelte Matt. „Das mit dem Foto hat sie übrigens zum Anlass genommen, mich rauszuwerfen.“
„Und wieso hast du mir nicht gleich davon erzählt?“
„Ich konnte einfach nicht. Dachte, es geht wieder vorbei. Jetzt eskaliert es.“
„Himmel, das muss dir das Herz brechen!“
Matt nickte.
Und ich geh los und such mir was fürs Bett, knurrte er sich im Geiste selber an. Für ’nen Scheißfick! Ich hätte merken müssen, dass was nicht stimmt!
Matt sah auf. „Du bist der Einzige, mit dem ich über alles, wirklich alles, reden kann. Und ohne einen Kaffee und ein Frühstück bist du nach so einer Nacht, wie wohl die letzte war, überhaupt nicht ansprechbar. Dass du dich fast eine Stunde lang versucht hast zu ertränken, sagt alles und gibt mir recht!“
River verzog das Gesicht. Er kannte ihn wirklich in- und auswendig.
„Wir sitzen jetzt hier und reden. Das bedeutet mir alles.“
„Wieso macht sie sowas? Das würd mich jetzt schon mal interessieren. Du bist der beste Dad, der rumläuft. Du und Joey, ihr seid Zucker, wenn ihr zusammen seid. Das ist doch absoluter Schwachsinn!“
Matt sagte nichts und presste die Lippen aufeinander.
„Geh gerichtlich gegen sie vor. Ich kenn ein paar gute Anwälte. Klag das Sorgerecht ein.“
„Nein! Auf keinen Fall!“
„Wieso?“
„Ich will es nicht noch schlimmer machen.“
„Das ist Blödsinn!“
„Was, wenn sie bei ihren Drohungen bleibt? Wenn sie mich anzeigt?“
„Aufgrund welcher Beweise?“
„Keine Ahnung! Heutzutage kann es mir passieren, dass Joey im Heim landet. Das wäre eine Katastrophe! Nein. Auf keinen Fall.“
River merkte, wie sich nun doch Kopfschmerzen ankündigten. Dann sah er, wie Matts Tasse bedrohlich in seinen Händen zitterte, und nahm sie ihm ab.
„Komm her“, murmelte er und nahm ihn spontan in den Arm, als Matt das Gesicht in den Händen vergrub.

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