Patchwork - Seite 5

„Nicht, bitte“, hörte er ihn mit erstickter Stimme murmeln.
Er sah dicke Tränen auf Matts Knie tropfen und der Kloß in seinem Hals wurde immer größer.
„Bitte nimm den Arm weg, River. Ich konnte mich bis jetzt zusammenreißen, aber … aber …“, krächzte er.
„Den Teufel werd ich!“ River zog ihn an sich und Matt verlor die Kontrolle. Während herzzerreißende Schluchzer Matt schüttelten, hielt River ihn einfach nur fest. Der Anfall dauerte lange und fast war River ein wenig traurig, als es ihm besser ging. Und schon trat er sich wieder selbst gegen das Schienbein.
Matt fühlte sich gut an, so gut, wie er aussah, mit seinen dunkelblonden Wuschelhaaren, die er so gerne versuchte zu zähmen. Noch nie hatte er ihn so im Arm gehalten und so sehr er mit seinem Freund mitfühlte, so unnachgiebig muckte es in seinem Schritt wieder auf. Er verdrehte im Geiste die Augen. Himmel noch mal!
„Bitte schick mich nicht weg“, kam es tonlos von Matt.
„Was?“
„Ich weiß nicht, wo ich hinsoll. Es ist alles so sinnlos geworden.“
„Du gehst nirgendwo hin. Das Haus ist groß genug für uns und auch für Joey. Wir stehen das gemeinsam durch“, hörte er sich sagen und schluckte. Hatte er Matt nicht vorhin noch vor die Tür setzen wollen, weil er langsam am Rad drehte, wenn er ihn jeden Tag sah? Fuck! Egal.
„Ja genau.“ Matt seufzte. „Vermutlich sterb ich sowieso bald an gebrochenem Herzen.“
„Red keinen Unsinn. Wenn Joey nur halbwegs nach dir kommt, dann wird er sich das nicht gefallen lassen! Er wird rebellieren. Man kann heutzutage keinem 13-Jährigen mehr verbieten, seinen Vater zu sehen. Das weiß deine liebe Amy anscheinend nicht.“
„Sie ist nicht meine liebe Amy.“
„Ich wünschte, du würdest sie endlich in den Wind schießen!“
„Glaubst du im Ernst, ich geh noch einmal zu ihr zurück?“, fauchte Matt.
River sah ihn fragend an. „Wär nicht das erste Mal.“
„Sie hat mir bislang noch nie sexuelle Belästigung vorgeworfen! Sie hat gesagt, sie ruft die Bullen, wenn ich beim Spiel auftauche. Ich bin wieder gefahren. Joey wird zu Tode enttäuscht sein, dass ich nicht da war.“ Wieder hatte er Tränen der Wut in den Augen.
„Schick ihm ’ne Nachricht.“
„Sie hat behauptet, er hätte ein neues Handy und meine Nummer wäre gesperrt. Sie hat mir auch verboten, ihn anzurufen. Sollte ich es tun, droht sie wieder mit den Cops.“
„Ich bin ein Cop, verdammt!“
„Dich wird sie sicher nicht anrufen“, knurrte Matt.
Sie schwiegen eine Weile und River dachte angestrengt nach.
Matt seufzte. „Eigentlich wollte Joey bei mir anfangen, sobald er die Schule beendet hat. Er liebt meinen Job.“
River sah auf und ließ den Blick über seinen unfassbar schön gestalteten Garten mit der überdachten Grillecke im hinteren Teil gleiten. Matt hatte das alles mit seiner Mannschaft – und natürlich auch Joeys Hilfe – geschaffen. „Du bist auch der beste Landschaftsgärtner, den ich kenne. Sieh dir an, was du aus diesem Loch gemacht hast, hier war nur verdorrtes Gras! Es ist einfach phantastisch! Auch der Vorgarten.“
„Und Joey hatte so viel Spaß dabei, mitzuhelfen.“
„Er kann schon richtig gut mit anpacken.“
„Er hat auch immer gut mitgehalten, wenn wir drei wandern oder angeln oder was weiß ich waren.“
River nickte. Er mochte Joey und Joey mochte ihn, auch wenn er ihn immer Onkel River nannte und er sich dann ungefähr doppelt so alt fühlte.
Matt sah auf seine Hand, die immer noch zitterte. „Ich weiß jetzt, was du meinst, wenn du immer sagst: Jeder kann in deinen Augen zum Mörder werden. Kommt nur auf die Umstände an.“
„Und das aus deinem Munde. Dem Kerl, der noch Grashüpfer aus dem Haus rettet“, schnaubte River. „Ja, jeder kann zum Mörder werden. Leider schon alles erlebt. Aber du wirst nicht zum Mörder! Joey braucht dich!“
„Ja genau! Wann? Wenn er 18 ist? Jetzt ist die kritische Zeit. Was, wenn er abrutscht?“
Sie schwiegen wieder eine Weile.
„Hast du eigentlich alles rausbekommen? Ich meine deine persönlichen Sachen?“
„Nein.“
„Willst du, dass ich ein paar Kollegen bitte, dich dorthin zu begleiten? Ich sollte mich da jedenfalls raushalten.“
„Solltest du, ja. Nein, auf keinen Fall. Ich würde sie vermutlich umbringen. Vor den Augen der Polizei wäre das ein glatter Selbstläufer.“
„Verstehe …“
„Es ist alles ersetzbar. Im Moment fühle ich mich so, als wäre alles von dort kontaminiert. Ich hab mir schon gestern einen ganzen Satz neuer Klamotten gekauft.“ Er seufzte. „Kann gut sein, dass sie mich auf Unterhalt verklagt.“
„Sie hat dich nie als Vater angegeben! Das will ich sehen, wie sie das macht.“
„Und ich weiß, dass ich der Vater bin.“
„Ja, weil du einen heimlichen Test hast machen lassen.“
„Genau. Sieht so aus, als müsste ich an mein Erspartes ran. Eigentlich hab ich das meiste für Joeys Ausbildung auf die Seite gelegt. Wenn ich mir jetzt auch noch ’ne Bude suchen muss, bleibt mir wohl nix anderes übrig, als da ranzugehen. Ich kann dir ja nicht ewig auf den Senkel gehen.“
River gab sich einen Ruck und stand auf.
„Wo gehst du hin?“
„Bin gleich wieder da.“
Er ging ins Haus, starrte zur Treppe und biss dann die Zähne zusammen, als er sie erklomm. Selbst Treppensteigen tat weh. Fuck you, Darron!
Oben angekommen öffnete er die Tür und tastete nach dem Lichtschalter.
Der Raum, der sich vor ihm auftat, war groß. Jedenfalls groß genug für Joey und Matt. Und es gab eine Tür. Das Dachgeschoss musste nur ausgebaut werden. Wenn sie ranklotzten und Matt ein paar seiner Männer mobilisieren könnte, dann würden sie in ein paar Wochen daraus ein bewohnbares Obergeschoss mit zumindest zwei Zimmern und einem Bad machen können.
„Matt?“
Doch der hörte ihn nicht. Mist. Also musste er wieder runter.
„Kommst du mal?“
„Is’ was passiert?“ Matt stand mit einem besorgten Blick auf.
„Nein, ich will dir was zeigen.“
Gemeinsam kletterten sie wieder die schmale Treppe nach oben.
Matt sah ihn verständnislos an.
„Das sind ungefähr siebzig Quadratmeter. Nicht viel, okay. Aber überleg mal. Wenn wir alle zusammen helfen und das hier ausbauen. Zwei Zimmer und ein Bad. Wäre das ’ne Alternative zum Ausziehen?“
Matt starrte ihn mit offenem Mund an.
„Platz genug für dich und eventuell auch Joey, sollte alles doch anders kommen.“
„Du meinst das ernst!“
„Rhetorische Frage?“, konterte River. „Wie lange, denkst du, brauchen wir, wenn wir alle anpacken? Ein paar deiner Kollegen, ich kann vielleicht auch zwei oder drei mobilisieren.“
„Keine Ahnung, vielleicht zwei Wochen, aber vergiss nicht, in ein paar Tagen ist Weihnachten.“
River verzog das Gesicht. „Stimmt. Na klasse.“
„Musst du arbeiten?“
„Ja. Gott sei Dank. Du?“
Matt nickte. „Ich werde mir jedenfalls Arbeit suchen und wenn ich deinen Gartenzaun streiche. Dreimal, wenn’s sein muss. Hauptsache, ich muss nicht an Weihnachten denken. Ohne Joey.“ Er fuhr sich durch die Haare.
River ging tiefer in den offenen Raum. „Weißt du noch, wie wir uns früher, als wir so alt waren wie Joey, in solchen Dachstühlen versteckt haben?“
Matt sah auf und lächelte. „Mhmm. Klar. Wir haben noch ganz andere Dinge gemacht.“
„Gespannt?“, half ihm River.
„Mädchenkabine Mittelschule.“
River grinste. „Richtig. Und du warst so nett, auch die Umkleide der Jungs für mich auszuloten.“
„War mir eine Ehre.“ Sie lachten. „Oder als wir die Andersons beim Sex in der Küche gesehen haben.“
„Oh ja, die gingen ganz schön ab und hatten keine Ahnung, dass wir alles gesehen haben. Mein lieber Herr Gesangsverein! Denen haben wir doch auch mal Enteneier in den Hühnerstall geschmuggelt?“
Matt nickte. „Und die haben nie verstanden, wie das gehen kann. War lustig. Wir waren ganz schön umtriebig.“
„Und wenn Joey auch nur einen Funken von dir hat, wird ihm was einfallen. Du wirst sehen. Er lässt dich nicht fallen. Dafür leg ich meine Hand ins Feuer.“
„Hoffentlich hast du recht.“
„Hol mal Papier und Bleistift und wir sehen mal, was wir hier alles brauchen. Ja?“
Matt nickte und lief nach unten.
River war froh, dass er nicht noch einmal die vermaledeiten Stufen gehen musste, da seine Eingeweide immer noch rebellierten. Erneut verfluchte er Darron und die letzte Nacht.
„Die Treppe sollten wir auch verbreitern“, sagte Matt, als er wiederkam, und maß sie aus.
„Kannst du das selber machen?“
„Klar. Kein Problem.“
„Cool.“
River war froh, dass der Plan, das Dachgeschoss umzubauen, sie beide derart ablenkte, dass sie für lange Zeit nur noch am Diskutieren und Planen waren. Die Zeit verflog nur so und irgendwann knurrte Matts Magen.
„Wollen wir was essen?“, fragte River. „Mir hängt der Magen auch in den Kniekehlen.“
Matt kratzte sich am Kopf. „Keine Ahnung, ob ich was runterbekomme.“
„Dein Bauch hat grad ja gesagt. Komm, wir fahren rüber zu Subways, hm?“
Und so machten sie es.

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