Daniel & Kevin - Love and Protect

Kapitel 1

Weihnachten im Frühling

Es war Freitag und bereits nach 22 Uhr, als Daniel Peters Feierabend machen wollte und ihn eine Kollegin gerade noch an der Tür des Police Departments erwischte.
„Daniel?“
Er drehte sich mit einer unguten Vorahnung um, als er Susans dringenden Unterton bemerkte. „Ja?“
„Ich weiß, du hast eigentlich Feierabend, aber hast du trotzdem kurz ’ne Minute für mich?“
„Klar.“ Er ließ die Tür los und kam zurück zu ihr.
Sie streckte den Kopf kurz in ihr Büro und sprach mit jemandem dort drinnen. „Einen Moment, ja? Bin gleich wieder da.“ Dann zog sie die Tür zu und ging mit ihm ein paar Schritte beiseite.
„Gibt’s Probleme da drin?“
„Nein, eigentlich nicht. Ein junger Mann, der gerade ein Kontaktverbot erwirkt hat, aber …“
„Gegen wen?“
„Gegen seine Eltern.“
Daniel zog die Augenbrauen hoch. „Wie alt?“
„Volljährig.“
„Volljährig?“
„Ja, aber er wohnt wohl noch daheim.“
„Ich versteh nicht ganz, wie ich helfen kann …“
Susan presste kurz die Lippen aufeinander. „Er hat gesagt, er hat Angst, dass sein Vater seine Aggressionen beim nächsten Mal gegen ihn richtet.“
„Beim nächsten Mal? Wie heißt er?“
„Kevin Sailor.“
Daniels Augen wurden schmal. „Sailor?“
„Mhmm … Du wirst es nicht glauben, aber Brad Sailor ist sein Vater.“
„Der, der regelmäßig seine Frau verprügelt? Die dann …“ Er seufzte und beendete den Satz nicht; doch das übernahm Susan für ihn.
„… Anzeige erstattet und sie kurz darauf wieder zurückzieht. Ja, genau der. Allein dieses Jahr satte drei Mal.“
„Scheiße.“
„Was mir Sorgen macht, ist, dass er mir vor der Unterzeichnung reichlich aufgelöst gestanden hat, dass er sich wohl am liebsten outen würde, seine Eltern davon aber nichts wissen und er offenbar keine Ahnung hat, wo er bleiben soll. Es gibt wohl keine Verwandten in der Stadt. Es steckt also auch noch ein wenig mehr dahinter als der ewige Zwist seiner Eltern.“ Sie sah ihn vielsagend an. „Du hast nicht zufällig ein Zimmer frei?“ Susan spielte auf seine kleine, aber sehr exquisite Stiftung an, die er zu Hause nebenbei leitete.
„Nein, ich bin voll. Ich könnte ihm nur ein Gästezimmer anbieten, bis wir eine bessere Lösung finden. Nicht ideal, aber ich hab viel Platz. Und er wäre erst einmal in Sicherheit.“
„Möchtest du mit ihm sprechen?“
Daniel nickte und zückte sein Telefon. Kurz darauf hatte er seinen Freund und Kollegen Mario Leonardo am anderen Ende.
„Soll ich schon was für dich bestellen?“, fragte der ohne Begrüßung.
Eigentlich hatten sie geplant, sich noch bei Sean’s zu treffen, auch wenn es schon spät war. Die Bar war bei den Cops sehr beliebt, vor allem, weil es dort auch rund um die Uhr etwas zu essen gab.
Daniel brachte Mario kurz auf den neuesten Stand. „Warte lieber nicht auf mich. Sollte dieser Kevin auf mein Angebot eingehen, fahr ich mit ihm nach Hause. Zur Not hol ich mir irgendwo noch einen Burger. Vermutlich hat der Junge eh noch nichts gegessen. Braucht ganz schön Eier, gegen seine eigenen Eltern ein Kontaktverbot zu erwirken, außerdem ist es todtraurig.“
„Klingt ziemlich übel. Hoffentlich kannst du ihn überzeugen, erstmal mitzukommen. Viel Glück.“
„Danke. Ich ruf dich an.“ Das Wochenende war endlich einmal frei, nachdem sie einen komplizierten Fall zu Ende gebracht hatten und den ganzen Tag über mit nichts anderem als Schreibkram beschäftigt gewesen waren.
„Bis dann.“
Daniel steckte das Handy weg. Mit seiner Lederjacke in der Hand klopfte er an und trat dann in Susans Büro. Sein Blick fiel auf den jungen Mann, der völlig entnervt auf dem Stuhl vor Susans Schreibtisch saß. Er war groß, schlank und wirkte sehr gepflegt, wenn seine schwarzen Haare auch so aussahen, als wäre er gerade aus dem Bett gekrochen. Wären da nicht die tiefen Ringe unter den Augen und die Sorgenfalten gewesen, hätte er vermutlich ziemlich attraktiv ausgesehen.
Es entging Daniel nicht, dass Kevin etwas besorgt dreinsah, da sein Schulterhalfter ihn deutlich als einen weiteren Polizisten auszeichnete, auch wenn er zivile Kleidung trug. Vermutlich dachte er: Zwei Bullen, nur weil ich nicht will, dass mich meine Eltern kontaktieren?
„Keine Sorge, Sie haben nichts zu befürchten“, sagte Susan sogleich beschwichtigend, als Kevin die Arme schützend vor der Brust verschränkte. Mit unsicherem Blick sah er zu Daniel auf.
„Hallo … Sir“, nuschelte er.
„Hi, Mr. Sailor. Officer Melrose hat mir kurz berichtet, dass Sie ein Kontaktverbot erwirkt haben und im Moment nicht wissen, wo Sie hinsollen.“
Kevin stand auf. „Is’ ja nicht Ihr Problem, ich komm schon irgendwo unter …“
„Kevin, hören Sie sich wenigstens an, was für einen Vorschlag Detective Peters hat, hm? Ich lass Sie beide mal kurz alleine.“ Mit diesen Worten ging sie zur Tür und verschwand.
Daniel hängte seine Jacke über Susans Bürostuhllehne und setzte sich dann. Es entging ihm nicht, dass Kevin ihn verstohlen musterte. Zumindest war er noch nicht getürmt.
„Bitte setzen Sie sich doch nochmal, Mr. Sailor. Was ich mit Ihnen besprechen will, hat rein gar nichts mit meiner Polizeiarbeit zu tun. Ich will Ihnen nur meine Hilfe anbieten.“
Der junge Mann schien augenblicklich etwas erleichtert, denn er sagte: „Kevin. Bitte sagen Sie Kevin. Der Nachname bringt mich nämlich zum Kotzen.“
„Gerne.“ Daniel sah ihn freundlich an und langsam sank Kevin wieder auf den Stuhl vorm Schreibtisch. „Officer Melrose meinte, Sie wissen nicht, wo Sie heute Nacht bleiben können, stimmt das?“
„Mhmm. Ich hab bislang immer bei Bekannten in ’ner WG übernachtet, weil einer der Bewohner ’n halbes Jahr in Australien war, aber der kam vor ein paar Tagen zurück und hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich mich verpissen soll. Also hab ich meine Sachen gepackt und bin raus.“

© 2019 Andy D. Thomas - All rights reserved