Daniel & Kevin - Love and Protect

„Haben Sie da richtig gewohnt?“
Kevin schüttelte den Kopf. „Nein, eher mal gecrasht wenn es zu Hause wieder schlimmer wurde.“
„Verstehe.“
„Officer Melrose hat angedeutet, Sie könnten mir vielleicht helfen, ein Zimmer für die Nacht zu finden. Ich glaube, sie irrt sich, denn ich hab nicht viel Geld. Grad mal 15 Dollar.“
„Ich hoffe, ich kann weiterhelfen, ja.“
„Um diese Uhrzeit?“
„Officer Melrose hat gehofft, dass bei mir noch ein WG-Zimmer frei ist, aber …“
„Sie wohnen auch in ’ner WG?“, platzte es aus Kevin heraus. „Sorry, ich wollte Sie nicht unterbrechen. Ich, äh, ich bin nur ziemlich durch den Wind. Es tut mir leid.“
„Schon gut. Und zu Ihrer Frage: Nein, ich wohne nicht in einer WG, aber ich besitze ein sehr großes Haus. Eine Hälfte wird von jungen Leuten bewohnt, die alle mal in einer ähnlichen Situation waren, wie Sie gerade sind. Ich leite nebenbei die Jasper’s RainbowFoundation für, wie soll ich sagen, für unschuldig in Not geratene Jugendliche, vorzugsweise solange sie noch zur Schule gehen. Schon mal gehört?“
„Ah, okay. Cool. Nein, davon hab ich noch nix gehört. Und Sie haben ein Zimmer frei? Das is’n Ding“, murmelte er und ein kurzes Glimmen erschien in Kevins Augen, bis Daniel den Kopf schüttelte.
„Leider nein. Es ist im Moment nichts frei.“
„Wär auch zu schön gewesen, um wahr zu sein.“ Kevin ließ den Kopf hängen.
„Aber wie gesagt, es ist ein großes Haus und ich kann Ihnen zumindest ein Dach über dem Kopf anbieten. Es ist nicht ideal, aber ich habe zusätzlich noch drei Gästezimmer mit eigenem Bad. Also wenn Sie wollen, können Sie fürs Erste gerne mitkommen.“
Kevin sah ihn entgeistert an. „Im Ernst?“
„Im Ernst. Auch wenn das wirklich eher eine Ausnahme ist.“
Kevin schluckte. „Wieso tun Sie das?“
„Was? Ihnen ein Dach über dem Kopf anbieten?“
Kevin nickte.
„Der Name Brad Sailor ist mir durchaus ein Begriff.“
Kevin biss sich auf die Lippe und nickte vage.
„Es war Zufall, dass Sie an Officer Melrose geraten sind, die von meiner Stiftung weiß.“
„Dann war’s wohl Schicksal.“
Daniel merkte, dass er mit den Tränen kämpfte. „Officer Melrose meinte, Sie hätten Angst vor Ihrem Vater?“
„Mhmm.“
„Hat Ihr Vater Sie jemals angegriffen?“
„Beim letzten Mal, als ich dazwischengehen wollte, als er …“ Er brach ab und hob ein paar Strähnen an seiner Stirn.
Daniel sah einen frischen Cut und zog die Augenbrauen hoch. „Wann war das?“
„Gestern.“ Er ließ wieder den Kopf hängen.
„Haben Sie Anzeige erstattet?“, fragte Daniel behutsam, doch er kannte die Antwort im Voraus.
Kevin schüttelte den Kopf. „Seitdem hab ich sie fast auf Knien angefleht, ihn zu verlassen. Wieder mal.“
„Wen? Ihre Mutter?“
„Mhmm.“ Eine kleine Pause, dann: „Ich kann nicht mehr.“ Kevins Stimme brach und eine Träne tropfte auf seine schwarze Jeans. Dann wischte er sich mit einer unwirschen Bewegung das Gesicht ab und sah auf. „Ich will nicht so enden wie sie! Ich pack das nicht mehr.“
„Kann ich gut verstehen und, so traurig es ist, ich zieh wirklich den Hut vor Ihnen.“
„Auch wenn ich mir immer noch nicht hundertprozentig sicher bin, ob es richtig ist, was ich grad gemacht hab.“
„Irgendwann ist immer mal der Punkt erreicht, wann man handeln muss. Ich denke, Sie haben richtig gehandelt“, erwiderte Daniel. „Heißt das, Sie wollen mitkommen?“
„Wenn das geht?“, nuschelte er.
Daniel lächelte erleichtert. „Na dann …“ Er stand auf und streckte Kevin die Hand hin. „… ich bin Daniel.“
Als sie sich die Hand gaben, trafen sich ihre Blicke für einen kurzen Moment und Daniel tauchte ein in zwei dunkelgraue Augen, die schon viel Leid gesehen hatten. Aber er sah auch einen Kämpfer hinter all dem Leid. Es gefiel ihm.
„Ich bin Kev.“
„Hast du irgendwelche persönlichen Sachen dabei?“
Kevin nickte zu zwei großen Taschen, die weiter hinten standen. „Da ist alles drin, was mir auf die Schnelle einfiel.“
„Wenn du noch was brauchst, können wir einen Kollegen bitten, dich zu begleiten. Dann kannst du holen, was du noch brauchst.“
Kevin verzog das Gesicht. „Erstmal nicht. Danke. Ein Dach über dem Kopf ist mir jetzt tausendmal wichtiger.“ Er lächelte zum ersten Mal zaghaft.
Daniel öffnete die Tür und nickte Susan zu. „Wir sind fertig.“
„Haben Sie Detective Peters Angebot angenommen?“
Kevin nickte.
„Oh, wie schön!“ Man sah ihr die Erleichterung an. Sie ging zu ihrem Schreibtisch und hob ein Blatt Papier auf. „Vergessen Sie das nicht.“ Es war sein Exemplar des Kontaktverbots. „Spätestens morgen Früh wissen Ihre Eltern Bescheid.“
Kevin nahm das Dokument, faltete es und steckte es ein.
„Für wie lange?“, fragte Daniel.
„Ein Jahr“, erwiderte Susan.
„Ich hätte nie gedacht, dass es mal so weit kommt“, murmelte Kevin. „Und es bricht mir trotzdem das Herz“, schickte er fast tonlos hinterher.
„Kevin, Sie haben alles getan, was sie konnten; haben Ihre Mutter allein dieses Jahr bereits dreimal hierher begleitet. Mehr kann man wirklich nicht erwarten“, sagte Susan.
Kevin seufzte. „Dreimal und wir haben gerade mal März. Letztes Jahr waren es bis Dezember dreimal.“
„Eltern sollten in erster Linie für ihre Kinder da sein, nicht umgekehrt. Vor allem, wenn sie noch jung sind.“ Sie streckte ihm die Hand hin und Kevin nahm sie. „Passen Sie auf sich auf.“
„Danke Ma’am.“
Daniel hatte eine der beiden Taschen genommen. „Geh’n wir. Schönen Abend, Susan. Ich hoff, der Rest der Nacht bleibt ruhig.“
„Träum weiter.“ Sie rollte mit den Augen, als draußen ein randalierender Betrunkener hereingebracht wurde.
Daniel wartete noch einen Moment, bis sie vorbei waren, dann ging er mit Kevin nach draußen.

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