Daniel & Kevin - Love and Protect

„Hast du im Lotto gewonnen?“
„Nein. Aber sowas Ähnliches. Keine Sorge, hier geht alles mit rechten Dingen zu. Ich habe das hier alles lediglich geerbt.“
„Ah“, machte Kevin und wurde ein wenig verlegen. „Geerbt heißt aber, dass, äh, dass … ach Scheiße …“ Er brach ab, da er das Gefühl hatte, keine einfühlsamen Worte für das zu finden, was er sagen wollte.
„Lass uns erst fertig essen, dann erzähl ich es dir, okay?“
Kevin befürchtete, dass Daniel vermutlich sonst vielleicht der Appetit vergehen könnte, und nickte hastig.
„Nur zu.“ Daniel deutete auf den vierten Burger, während er seinen zweiten bereits in Arbeit hatte und einen herzhaften Bissen nahm.
Kevin ließ sich das nicht zweimal sagen. Erst jetzt bemerkte er, was für einen Bärenhunger er eigentlich hatte. Während sie schweigend weiteraßen, musterte Kevin Daniel verstohlen. Er hatte wirklich schöne Hände, fiel ihm auf. Und der Rest, der dranhing, war auch nicht ohne. Blonde Haare, kurzer Cop-Haarschnitt, energisches Kinn, blaue Augen und die ersten Lachfältchen in einem ansonsten sonnengebräunten Gesicht, das davon zeugte, dass Daniel offenbar viel Zeit draußen verbrachte. Kevin schätzte ihn auf Dreißig. Sie waren ungefähr gleich groß, Daniel war vielleicht ein paar Zentimeter größer, aber mehr auch nicht. Durchtrainiert. Und dieser gutaussehende Typ hatte ihm tatsächlich ein Dach über dem Kopf angeboten? Nicht zu fassen! Sollte er ab jetzt endlich mal Glück haben?
Schließlich hatten sie alles aufgegessen. Lediglich ein bisschen Krautsalat war noch da, den Daniel letztendlich, als keiner von ihnen mehr konnte, in den Kühlschrank stellte. Er räumte ab, nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich wieder zu Kevin.
„Erst meine Story oder erst umschauen?“
Kevin hatte das Gefühl, als könnte er sich nach dieser Völlerei eh nicht mehr rühren und sagte daher: „Erst Story.“
„Okay.“ Sie stießen mit Bier und Cola an und nachdem jeder einen Schluck genommen hatte, räusperte sich Daniel.
Kevin sah, dass ein Schatten über sein Gesicht glitt.
„Das hier war eigentlich das Haus meiner Eltern.“
„Ich würd das eher Villa nennen …“ bemerkte Kevin und ärgerte sich sogleich, weil er Daniel schon wieder ins Wort fiel. Er musste dringend daran arbeiten, diese blöde Angewohnheit abzustellen. Dieser Typ hatte ihm gerade ein Dach über dem Kopf gegeben und er wollte ihn auf gar keinen Fall verärgern.
„Mhmm. Sie haben diese Stiftung vor zwanzig Jahren ins Leben gerufen. Damals wurde mein Cousin Jasper so lange in der Schule gemobbt, weil man ihn dabei erwischte, wie er einen anderen Jungen küsste, bis er sich mit vierzehn das Leben nahm.“
„Oh mein Gott …“
„Daraufhin hat meine Mutter zusammen mit ihrer Schwester Stephanie, also Jaspers Mutter, diese Stiftung ins Leben gerufen.“
Kevin schwieg und war froh, dass sie schon gegessen hatten.
„Vor zwei Jahren kamen meine Eltern bei einem Autounfall auf Hawaii ums Leben. Ich hab fast ein Jahr gebraucht, bis ich mich von dem Schock erholt habe, aber nun führe ich die Stiftung weiter. Zusammen mit meiner Tante Stephanie, die im Westflügel der Villa wohnt und sowas wie die gute Seele hier ist.“
„Oh Mann“, murmelte Kevin. „Das ist echt harter Tobak.“
„Mhmm. War nicht leicht und anfangs dachte ich, ich kann das nicht. Aber inzwischen hab ich gemerkt, ich kann das sehr wohl. Und ich bin froh, dass ich die Stiftung weiterführe.“
Kevin sah sich um.
„Frag ruhig. Lieber raus damit, egal was es ist“, ermunterte ihn Daniel.
„Ich hab ja noch nicht so viel gesehen, aber wenn du das alles hier geerbt hast, dann musst du doch sicher nicht mehr als Cop arbeiten, oder?“
Jetzt war es Daniel, der einen Moment schwieg, bevor er antwortete. „Stimmt. Aber, um ehrlich zu sein, musste ich erst einmal so weitermachen wie bisher. Ich hab lange Zeit nur funktioniert, denn meine Eltern waren immer meine Stütze. Es kann allerdings gut sein, dass ich meinen Job in der Tat irgendwann an den Nagel hänge und etwas ganz anderes mache.“
„Du willst trotzdem weiter arbeiten gehen, obwohl du es vermutlich gar nicht müsstest?“
„Kommt immer drauf an. Wie du schon gesagt hast, verdient man als Cop nicht so besonders und nach geregelten Arbeitszeiten fragt auch kein Mensch. Ich mach das jetzt über zehn Jahre und würde es vielleicht auch noch weitermachen, wenn mich nicht ein Freund gefragt hätte, ob ich bei ihm einsteigen möchte. Und zwar als Trainer für Selbstverteidigungskurse und gleichzeitig Teilhaber eines ebensolchen Studios.“
„Cool.“
„Mhmm. Das wär wirklich mein Ding, da ich solche Sachen auch regelmäßig mit meinen Schützlingen hier mache. Das also beruflich zu tun, wäre für mich durchaus interessant.“
„Könntest du mir auch was zeigen? Ich bin da wirklich ’ne Niete drin.“
„Klar.“
„Hm. Abgefahren.“
„Aber bevor es dazu kommt und bevor ich dir überhaupt ein Gästezimmer zeigen kann, muss ich dich noch eine Sache fragen.“
Kevin sah auf.
„Aus besagtem Grund haben die Bewohner im ersten Stock des Ostflügels alle mehr oder weniger einen LGBT Background. Hast du ein Problem damit? Und bitte gib mir eine ehrliche Antwort. Eine Lüge kommt früher oder später raus. Solltest du also damit ein Problem haben, fahr ich dich lieber in ein Motel und zahle ein Zimmer für ein oder zwei Nächte. Danach überlegen wir uns eine andere Lösung für dich.“
„Verstehe. Nein, ich hab damit überhaupt kein Problem. Wirklich“, beteuerte er.
„Die Bewohner meiner WG genießen bei mir großen Schutz. Derzeit wohnen drei junge Männer und zwei junge Frauen hier. Genau darauf ist meine Stiftung ausgerichtet.“
Kevin schnaubte. Das war wirklich zu verrückt. „Hör zu.“ Er beugte sich vor und senkte die Stimme, obwohl außer ihm und Daniel niemand anwesend war. „Am liebsten hätte ich mich schon vor Jahren, äh, ich …“ Er stockte, sah in eine Ecke und dann zurück zu Daniel. „Ich hoffe, dass das, was ich jetzt sage, auch wirklich erstmal unter uns bleibt?“
„Selbstverständlich.“
„Ich, äh, hätte mich nie getraut, mich zu Hause zu outen, aber ich weiß es schon seit ich, was weiß ich, zwölf war … Genau deshalb hab ich ja zu Officer Melrose gesagt, dass ich langsam Schiss vor meinem Vater habe. Der weiß das bislang nicht, aber sollte er es rausfinden, dann …“ Er brach erneut ab. „Bis gestern hätte ich nie gedacht, dass ich auch was abbekäme. Nie“, fügte er dann hinzu. „Genau das hab ich auch zu Officer Melrose gesagt, und dass meine Eltern bislang keine Ahnung haben. Hat sie das nicht erwähnt?“, wollte er dann wissen.
„Doch, sie hat sowas erwähnt, aber ich wollte es gerne aus deinem Mund hören. Du wirst also genug Gelegenheiten haben, dich mit den anderen darüber auszutauschen.“

© 2019 Andy D. Thomas - All rights reserved