Daniel & Kevin - Love and Protect

Kevin sah ihm direkt in die Augen und fragte geradeheraus: „Nur mit den anderen, oder auch mit dir?“
Daniel sah ihn mit einem verwirrten Blick an.
„Ich meine, äh, bist du, bist du … auch, äh, schwul? Oder machst du das hier nur, weil …“ Er beendete den Satz nicht.
Daniel sah ihn ein paar Sekunden schweigend an, bevor er antwortete. „Das ist zwar eine ganz schön private Frage und tut eigentlich nicht wirklich was zur Sache, aber ich bin immer dafür, mit offenen Karten zu spielen. Ich kann deine Frage mit einem Ja beantworten.“
Kevin riss die Augen auf. „Ein schwuler Cop?“
Daniel hob die Hände. „Meine sexuellen Präferenzen stehen jetzt nicht explizit in meiner Akte, aber ich bin mir sicher, ich bin nicht der Einzige.“
„Sorry, das war wieder völlig taktlos von mir“, murmelte Kevin und sah auf die Tischplatte.
„Schon gut. Mir ist nur wichtig, dass es hier keine Missverständnisse gibt.“
Er war erleichtert, dass Daniel es ihm offenbar nicht übelnahm, und war froh, als er das Thema wechselte.
„Wie lange musst du noch zur Schule?“
„Dieses und nächstes Jahr. Ich geh auf ein Privat-College. Aber mein Vater hat mir immer gedroht, er dreht mir den Geldhahn zu, sollte ich es wagen, das Haus vor meinem Abschluss zu verlassen. Er ist ein absoluter Kontrollfreak. Ich gehe davon aus, dass ich die Schule wechseln muss oder sie nicht beenden kann. Dieses Jahr ist bereits bezahlt, aber das nächste und letzte steht noch aus. Das ist richtiger Mist.“ Er seufzte tief. „Ich bezweifle, dass ich so viel Geld mit einem Nebenjob verdienen könnte, um das letzte Jahr zu bezahlen. Es ist richtig, richtig teuer dort. Was müsste ich zahlen, um hier zu wohnen?“, fragte er dann.
„Nichts.“
„Bitte?“
„Deshalb gibt es ja die Stiftung. Unsere Bewohner bleiben, bis sie die Schule beendet haben, und sobald sie einen Job oder eine Ausbildung in Aussicht haben, wobei wir gerne behilflich sind, verlassen sie uns wieder. Sie müssen nichts bezahlen, um hier zu wohnen, und für das Essen ist auch gesorgt. Die meisten haben irgendwo einen kleinen Nebenjob, um sich ein wenig Taschengeld zu verdienen. Sie kochen fast täglich zusammen. Bei Ta – so nennen alle meine Tante Stephanie – kann man lernen, wie man das macht.“ Daniel verschwieg, dass trotzdem so manche anfängliche Kochversuche schon mal mit kreischenden Rauchmeldern endeten. Aber die Bude hatte ihm Gott sei Dank noch nie jemand abgefackelt.
„Ich koch gern, aber man kann immer noch was lernen.“
„Meine Stiftung kann im Übrigen auch die Schulgebühren übernehmen.“
„Was?“ Kevin starrte ihn entgeistert an. „Das ist nicht dein Ernst! Weißt du, wie teuer das College ist? Das könnte ich nie zurückzahlen!“
„Du müsstest es nicht zurückzahlen“, beschwichtigte ihn Daniel. „Aber ein Versprechen, alles zu versuchen, das Schuljahr auch zu beenden und nicht vorzeitig abzubrechen, wäre schön. Ein bisschen Papierkram muss natürlich schon ausgefüllt werden und wir brauchen ein Gesundheitszeugnis von dir. Ta kann das mit dir zusammen erledigen.“
„Mann, das wäre der Hammer! Und ich könnte vielleicht auch für nächstes Jahr versuchen, ein Teil-Stipendium zu bekommen.“
„Wie das?“
„Ich bin ziemlich gut in Informatik. Das ist neben Sport mein zweiter Schwerpunkt auf dem College. Und dieses Jahr hat es sogar zu einem Teil-Stipendium gereicht.“
„Respekt. Weißt du schon, ob du das später mal beruflich machen willst?“
„Mhmm. Ich würde gerne zur Polizei gehen und dort im Bereich Internetkriminalität arbeiten oder sowas in der Art. Vielleicht gibt’s da ja ’nen Platz für ’nen Computer-Nerd wie mich.“
„Find ich klasse.“
„Und ich sag das nicht, weil du ein Cop bist.“ Er schluckte. „Verdammt …“
„Schon gut, das ist ja kein Schimpfwort.“ Daniel sah auf die Uhr. Es ging auf halb zwei Uhr morgens zu. „Soll ich dir mal das Zimmer zeigen? Rumführen kann ich dich morgen auch noch. Es ist schon ziemlich spät.“
Kevin sah erschrocken zur Uhr. „Wann musst du morgen raus?“
„Ich hab das Wochenende endlich mal frei.“
„Oh, okay. Cool. – Ja gerne.“
„Dann komm.“ Daniel trank sein Bier aus und glitt vom Barhocker. Kurz darauf öffnete er eine Tür zu einem großen Gästezimmer. Die hohen viktorianischen Fenster waren mit elektronischen Rollläden verschlossen. Die Möblierung war allerdings modern und bestand aus einem großen Kingsize-Bett, einer Kommode und einem Einbauschrank sowie einem kleinen Schreibtisch. Dazu zwei Sessel und ein kleiner Tisch.
„Meine Fresse, ich hatte immer nur ein verdammt schmales Bett.“
„Denkst du, das passt für den Anfang, oder willst du die anderen Zimmer erst noch sehen, bevor du dich entscheidest?“
„Das ist völlig in Ordnung. Das ist ja fast ein Ein-Zimmer-Appartement.“
„Es hat in der Tat fast vierzig Quadratmeter. Bad nicht eingerechnet.“
„Das ist dort hinten?“ Kevin zeigte auf eine Tür.
Daniel nickte. „Komm, wir holen deine Sachen. Ich hoffe, du findest ein wenig Schlaf.“
„Mhmm.“ Kevin sah sehnsüchtig zum riesigen Bett mit den vielen dunkelblauen, einladenden Kissen. Noch dazu seine Lieblingsfarbe. Dann beeilte er sich, Daniel zu folgen, um seine Taschen zu holen.
„Hast du auch so Dinge wie Handtücher und Zahnbürste mitgenommen?“, wollte Daniel von ihm wissen.
Er schüttelte den Kopf.
„Kein Problem. Bin gleich wieder da.“
Während Kevin seine Taschen ins Zimmer trug, hörte er, wie Daniel am Ende des Gangs einen Schrank öffnete. Kurz darauf kam er mit zwei Handtüchern, Zahnpasta, Duschgel, einer Zahnbürste und Toilettenpapier wieder.
„Morgen sehen wir weiter, was du noch so brauchst, okay?“
„Tausend Dank.“
„Versuch ein wenig zu schlafen, hm?“
Kevin nickte. „Ich bin todmüde. Letzte Nacht hab ich kein Auge zugetan.“
„Glaub ich gern. Wir sehen uns beim Frühstück.“
„Hört sich gut an. Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“

Daniel stand lange unter der heißen Dusche, die er trotz der vorgerückten Stunde unbedingt noch brauchte. Danach schlüpfte er in bequeme Shorts und T-Shirt und ließ sich auf sein Bett fallen. Obwohl es ein sehr turbulenter Tag gewesen war, schlief er fast augenblicklich ein.
Doch irgendwann mitten in der Nacht schrak er hoch, weil er glaubte, etwas gehört zu haben. Ihm fiel ein, dass er nicht alleine war und lauschte. Da war es wieder, ein unterdrückter Ausruf, etwas wie Nein!, dann wieder Stille, bis es erneut begann, als Daniel sich gerade wieder hatte zurücksinken lassen. Hör auf! Lass sie in Ruhe! Nicht!

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